Warum Deutschland Reparationen an mehrere Staaten zahlen soll

Wer Zerstörung verursacht, muss zahlen – dieses Prinzip wollen viele Länder auf die Klimakrise übertragen. Für Deutschland geht es um Milliarden.

Mehr als 1.700 Tote, acht Millionen Vertriebene, ein Drittel des Landes zeitweise unter Wasser: Das ist die katastrophale Bilanz der Überschwemmungen in Pakistan in diesem Sommer. Es entstand ein Schaden von rund 30 Milliarden Euro. Doch das Land bittet nicht nur die internationale Gemeinschaft um Hilfe – Pakistan fordert Entschädigung.

Bereits 1991 forderte der kleine Inselstaat Vanuatu, dass die Länder, die die Klimakrise hauptsächlich verursacht haben, dafür bezahlen sollten – von den Staaten, die hauptsächlich unter den Folgen leiden, aber wenig oder gar keine Verantwortung für die Klimakrise tragen. Erstere sind vor allem die Industrieländer, letztere vor allem Schwellen- und Entwicklungsländer.

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Seitdem erheben immer mehr Nationen einen solchen Anspruch, doch die Industrieländer lehnen ihn bisher ab. Nun soll die nun stattfindende Weltklimakonferenz zum Schauplatz dieses Konflikts werden.

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Kompensation, wo keine Anpassung möglich ist

Bei früheren Klimakonferenzen ging es eher um die Frage, wie Maßnahmen zur Anpassung an die Erderwärmung finanziert werden können. Nun aber gelten die Entschädigungsansprüche für die Folgen der Klimakrise, die auch durch Anpassung nicht vermieden werden können.

Bei der UN läuft die Debatte unter dem Suchbegriff „Loss and Damage“. Einerseits sind damit die Folgen langfristiger Veränderungen gemeint, wie zum Beispiel steigender Meeresspiegel oder sich ausdehnende Wüsten. Andererseits gehören dazu auch Katastrophen durch extreme Wetterereignisse, die durch die Klimakrise häufiger und stärker auftreten – wie die Überschwemmungen in Pakistan. Eine allgemeingültige Definition gibt es jedoch nicht.

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Auch woher das Geld kommen soll, wie viel gezahlt wird und an wen – alles ist noch unklar. China zum Beispiel hat sich den Forderungen nach Kompensationen schon vor Jahren angeschlossen, ist aber mittlerweile selbst einer der größten Emissionsverursacher. Unter anderem fordert die EU deshalb, dass die Volksrepublik Geberstaat wird, statt Geld zu erhalten.

Ein Fünftel weniger Wohlstand durch die Klimakrise

Einen Eindruck von der wirtschaftlichen Größenordnung vermittelt ein Bericht der V20-Gruppe, der mittlerweile 58 besonders gefährdete Länder angehören. Folglich wären diese Nationen heute zwanzig Prozent reicher, wenn es die Klimakrise nicht gäbe. Ihre Forderungen gehen daher weit in die Hundertmilliarden. Die Bundesländer schätzen die Kosten der Klimaschäden zwischen 2000 und 2019 auf rund 522 Milliarden Euro.

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Und das ist erst der Anfang: Laut einer Studie der London School of Economics könnte der Ausgleichsbetrag für Klimaschäden bis 2050 auf bis zu 1,8 Billionen Euro pro Jahr steigen. Die Industrieländer befürchten, dass riesige Zahlungen auf sie zukommen. Also traten sie auf die Bremse.

Ayisha Siddiqa, eine Klimaaktivistin aus Pakistan, kritisiert das. Die Staaten forderten seit Jahren Entschädigungen, sagt sie auf t-online. “Aber die Behörden haben das Thema bisher nicht ernst genommen, und es bleibt international umstritten.”

Ayisha Siddiqa: Die Klimaaktivistin aus Pakistan fordert mehr Aufmerksamkeit für die Forderungen der Länder des globalen Südens, dass die Industrieländer Entschädigungen zahlen müssen.
Ayisha Siddiqa: Die Klimaaktivistin aus Pakistan fordert mehr Aufmerksamkeit für das Thema „Loss and Damage“. (Bildnachweis: Jonas Gratzer/Getty Images)

Eigentlich ist es in den letzten 30 Jahren nur rhetorisch passiert: Institutionen für Dialog, Erfahrungsaustausch und fachliche Unterstützung wurden gegründet, aber nichts Konkreteres – bis letztes Jahr. Als erstes und einziges Land hat Dänemark auf der Klimakonferenz in Glasgow 2021 angekündigt, 100 Millionen Dänische Kronen (13,4 Millionen Euro) für „Loss and Damage“-Ansprüche zur Verfügung zu stellen.

Deutschland in Ägypten im Fokus

Und auch die diesjährige Klimakonferenz startete mit einem Teilsieg für die Entwicklungsländer: Anders als ursprünglich geplant, wurde „Loss and Damage“ erstmals auf die Tagesordnung formeller Verhandlungen gesetzt. Die ägyptische Ratspräsidentschaft sprach von einem “historischen Schritt”. Und der Fokus liegt nun auch auf Deutschland: Jennifer Morgan, Staatssekretärin im Außenministerium, ist gemeinsam mit der chilenischen Umweltministerin Maisa Roja offizielle Mediatorin für das Thema.

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