Mit dem Zug von Deutschland nach Polen – Kultur inklusive | Europa | DW

Seit 2016 rollt der Kulturzug zwischen der deutschen Hauptstadt Berlin und dem polnischen Wroclaw, der ehemals deutschen Stadt Breslau in Schlesien. Die Fahrt zwischen der Stadt an der Spree und der Metropole an der Oder dauert viereinhalb Stunden, genug Zeit, um die Reisenden über die Kultur des anderen Landes zu informieren und zu unterhalten. Außerdem an Bord: Schriftsteller, Musiker, Kulturschaffende, eine Bibliothek und eine Dauerausstellung.

Das ursprünglich auf sechs Monate angelegte Projekt hat sich in den letzten Jahren zu einer angesehenen Institution entwickelt, die weit über den deutsch-polnischen Grenzraum hinaus wirkt.

Ideengeber in beiden Ländern

„Ich gehöre zweifellos zu den Ideengebern“, sagt der ehemalige Breslauer Bürgermeister Rafal Dutkiewicz. (Das Bürgermeisteramt entspricht dem eines Bürgermeisters in Deutschland, Anm. d. Red.) „Ein Mitarbeiter des Rathauses kam auf den Vorschlag und bekam gleich einen Namen: „Pociag do kultury“ – Kulturzug“, erinnert sich der liberale Politiker. Ziel war es, die Zusammenarbeit zwischen Polen und Berlin und dem Land Brandenburg im Kulturbereich auszubauen und eine zwei Jahre zuvor eingestellte Zugverbindung zwischen den beiden Städten wiederherzustellen.

Auf deutscher Seite hat eine „Gruppe junger Kreativer“ entscheidend zur Umsetzung der Idee und zum Erfolg beigetragen.

Vor der Jungfernfahrt des Kulturzuges: Oliver Spatz (Projektleiter), Ewa Strozczynska-Wille und Natalie Wasserman stehen vor dem Kulturzug am Bahnhof Berlin Lichtenberg

Vor der Jungfernfahrt des Kulturzuges: Oliver Spatz (Projektleiter), Ewa Strozczynska-Wille und Natalie Wasserman

Schon lange vor Projektbeginn engagierten sich die Germanistik- und Theaterwissenschaftlerin Ewa Strozczynska-Wille, die Dramaturgin und Übersetzerin Natalie Wasserman sowie der Regisseur und Produzent Oliver Spatz für die grenzüberschreitende deutsch-polnische Zusammenarbeit. Spatz, der von 2015 bis 2016 Leiter des Kleist Forums in Frankfurt an der Oder war, ist bis heute Projektleiter des Kulturzuges.

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„Wir hatten schon lange die Idee, Kultur in den Zug zu bringen. Die Ausrufung Breslaus zur Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2016 gab uns die einmalige Gelegenheit, unseren Traum zu verwirklichen“, sagt Wasserman. Eigentlich gab es weder Vater noch Mutter des Kulturzuges, sondern ein “Ideenkonglomerat”.

Jungfernfahrt ausgebucht

Als der Kulturzug am 30. April 2016 vom Berliner Bahnhof Lichtenberg zu seiner Jungfernfahrt aufbrach, hielt das Team um Kulturmanager Spatz den Atem an. „Wir hatten Angst, dass wegen der langen Anreise niemand mitkommen würde“, erinnert er sich.

Doch die Realität übertraf alle Hoffnungen. „Wir waren völlig überrascht. Es waren viel mehr Leute da, die hin wollten, als wir Plätze hatten. Wir hatten eine Kapazität von 420 Plätzen geplant. Nach zwei Wochen war alles ausverkauft. Das hat uns umgehauen“, sagt Wasserman nicht ohne Stolz.

Die Veranstalter standen vor einer schwierigen Aufgabe: Sie mussten mit ihrem Kulturprogramm ganz unterschiedliche Personengruppen erreichen. Ein Basisprogramm richtete sich an ein breites Publikum. An Bord gab es ein Quiz und eine mobile Bibliothek. Die Passagiere wurden gebeten, einfache Fragen zu beantworten, beispielsweise die Anzahl der Bundesländer oder Provinzen in beiden Ländern. „Es ging darum, mit Menschen zu sprechen“, erklärt Wasserman.

Literatur, Musik, Theater und Disco

Vor allem aber wurde im Zug diskutiert, musiziert, gespielt, getanzt und präsentiert. Es gab sogar Clubnächte und Tanztees auf den Gleisen, für jeden etwas dabei, eine „kulturelle Wundertüte“, wie es ein Journalist der Berliner Tageszeitung taz einmal ausdrückte.

Dorota Danielewicz, die Berliner Schriftstellerin aus Polen, liest aus ihrem Buch Das weiße Lied im Kulturzug

Die in Polen geborene Berliner Schriftstellerin Dorota Danielewicz liest aus ihrem Buch Kulturzug

„Die Atmosphäre im Zug ist wunderbar, aufgeschlossen“, schwärmt die in Polen geborene Berliner Autorin Dorota Danielewicz. “Menschen tauschen ihre Erfahrungen aus und es werden neue Bekanntschaften geschlossen.” Der Autor ist fast Stammgast im Kulturzug. Während der Reise stellte sie ihre Bücher „Auf der Suche nach der Seele Berlins“ und „Das weiße Lied“ vor, in denen sie belarussische Bürgerrechtler porträtierte. Aber sie nutzt ihn nur zu ihrem eigenen Vergnügen: „Manchmal gehe ich einfach auf den Weihnachtsmarkt in Breslau“, sagt sie.

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Nicht nur Kulturschaffende, sondern auch Politiker nutzten den Zug. So diskutierte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) bei einer Reise mit dem damaligen Stadtpräsidenten Dutkiewicz über die Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen. Der Berliner Senator für Kultur und Europa, Klaus Lederer (Die Linke), erläuterte seinen polnischen Kollegen die Situation in der deutschen Hauptstadt. „Der Kulturzug schafft informelle Ebenen für mehr Vernetzung“, erklärt Projektleiter Spatz.

Deutschland Polen Dietmar Woidke mit Rafał Dutkiewicz im Kulturzug

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (links) und der damalige Breslauer Bürgermeister Rafal Dutkiewicz (rechts) im Juli 2017 im Kulturzug

Zunächst war das Projekt nur für sechs Monate geplant – von Mai bis Oktober 2016. Doch der große Erfolg und der Ansturm der Passagiere – im ersten Jahr wurden 22.000 Passagiere registriert – führten dazu, dass es immer wieder verlängert wurde.

„Es hieß immer: Bis Ende des Jahres, dann ist Schluss“, berichtet Natalie Wasserman. “Wir haben jedes Jahr mit dem Ende gerechnet, aber es ging einfach weiter.”

Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Kulturzug zu einem deutsch-polnischen Hit. Die COVID-Pandemie unterbrach die Verbindung für ein Jahr, doch seit Juni 2021 rollt der Kulturzug wieder.

Andere Städte wollen sich anschließen

– Der Kulturzug wurde zum Vehikel für den Aufbau eines Netzwerks, das in die Regionen und Städte hineinreicht. Es gebe Projekte, die sich aus dem Kulturzug entwickelt hätten, betont Wasserman. Und Projektleiter Spatz fügt hinzu, dass immer mehr polnische Städte wie Poznan (Posen) und Szczecin (Stettin) Interesse an dem Projekt bekundet haben.

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Seit dem Start des Kulturzuges wurden mehr als 80.000 Fahrgäste befördert. Hinzu kommen 6.000 ukrainische Flüchtlinge, die im März und April 2022 mit dem Zug aus Polen nach Deutschland gebracht wurden.

Zukunft gesichert

Bis vor kurzem war die Deutsch-Polnische Gesellschaft in Berlin Träger des Projekts, die Länder Berlin und Brandenburg übernahmen die Kosten. Doch nun ist die vorläufige Zeit vorbei. Die rot-rot-grüne Koalition, die seit 2021 das Land Berlin regiert, hat die Finanzierung des Kulturzuges im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Seit Oktober 2022 hat das Projekt einen neuen Träger, das landeseigene Unternehmen Kulturprojekte Berlin.

Der Kulturzug rollt am 29. Dezember 2022 durch Winterlandschaften zwischen Berlin und Breslau

Der Kulturzug rollt am 29. Dezember 2022 durch die Winterlandschaft

Projektleiter Oliver Spatz und sein Team können endlich über das Jahresende hinaus planen. Nach der Neujahrsfahrt am vergangenen Wochenende gibt es eine dreimonatige Pause. Ab April 2023 rollt der Zug wieder und hält diesmal in Boleslawiec (Bunzlau), berühmt für seine dunkelblauen Töpferwaren. Für 19 Euro fährt man dann von Berlin nach Breslau, inklusive Kulturprogramm.

An dem neuen Programm wird bereits intensiv gearbeitet. Als Moderator fungiert ua der Publizist Wolfgang Templin. “Die Deutschen wissen zu wenig über Polens Beitrag zur europäischen Freiheitsgeschichte. Ich werde versuchen, diese Lücke zu schließen”, kündigte der ehemalige DDR-Regimekritiker im Gespräch mit der DW an.



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