Inflation: Das soziale Gift – WELT

ichInflation ist schlecht, das lernt jeder Wirtschaftsstudent in den ersten Semestern, Inflation ist schlecht, weil alle falsch rechnen. Und weil der kleine Sparer der Hauptleidtragende ist.

Es ist eine der großen, bitteren Lehren des fast vorbeigehenden Jahres 2022, dass die Schäden durch die Währungsabwertung zu wenig beschrieben wurden. Inflation, es gibt Anzeichen dafür – und es wird deutlicher, wenn sie anhält – ist ein soziales Gift. Es hat eine verheerende Wirkung auf eine Gesellschaft, weil es die Einheit auf fast unkontrollierbare Weise zerstört.

Gerade aus der deutschen Geschichte ist bekannt, dass extrem hohe Inflation, auch Hyperinflation genannt, das gesamte politische System zerstören kann. Weithin anerkannt ist auch, dass eine bescheidene Inflation – vielleicht ein, zwei oder drei Prozent pro Jahr – ein guter Schmierstoff für eine schnell wachsende Wirtschaft ist.

Mehr über Inflation und ihre Folgen

Allerdings werden die ernsthaften Schäden, die selbst durch eine mittelhohe Inflation verursacht werden, aus den Augen verloren. Verständlich, schließlich wurde die beschleunigte Geldentwertung zuletzt vor fast zwei Generationen in Deutschland etabliert.

Und dann, in den 1970er Jahren, waren die Folgen nicht so gravierend: Weil damals neben der arbeitenden Bevölkerung auch die Produktivität noch wuchs, wuchs der zu verteilende Kuchen weiter. Verteilungskonflikte bleiben – Kluncker-Runde hin oder her – letztlich milde.

Jetzt hingegen hat das stark gesunkene Produktivitätswachstum kaum noch Spielraum für eine Umverteilung eröffnet – was nicht gut ist, wenn die Verbraucherpreise, wie Experten jetzt prognostizieren, im kommenden Jahr um weitere fünf bis zehn Prozent steigen sollten.

Denn gesellschaftliche Interaktionen wiederholen sich fast zwangsläufig: Jeder versucht – vollkommen legitim, vollkommen verständlich –, die Inflationslast loszuwerden. Es spielt Arbeitnehmer und Arbeitgeber gegeneinander aus, Verbraucher und Einzelhändler, Einzelhändler und Hersteller, Hersteller und Lieferanten, Mieter und Vermieter, Steuerzahler und Steuerbehörden.

Die Metallarbeiter stimmten einer Einmalzahlung und einer Lohnerhöhung zu

Im Streit um die Löhne in der Metall- und Elektroindustrie haben sich der Verband Südwestmetall und die Gewerkschaft IG Metall auf eine Pilotvereinbarung geeinigt. Als Ergebnis erhalten Mitarbeiter einen Inflationsausgleichsbonus von 3.000 Euro. Die Löhne werden ab Juni nächsten Jahres steigen.

Mal geht es um die Weitergabe von Preiserhöhungen, mal wird bei gleichem Preis oder schlechterer Qualität weniger gegeben: Oftmals versucht jeder, den drohenden Wohlstandsverlust für sich zu vermeiden. Immer mehr Energie wandert in volkswirtschaftlich kontraproduktive Verteilungskonflikte ab. Und je weiter die Maschine läuft – Stichwort Lohn-Preis-Spirale – desto schwerer ist sie zu stoppen.

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In ihrer Ohnmacht greifen Regierungen oft zu billigen Plädoyers für Mäßigung. Oder sie tun etwas Kluges, wie „konzertierte Aktionen“ oder steuerfreie Sonderzahlungen – die sich in der Praxis sehr schnell als kontraproduktiv erweisen, wie es in der Metallindustrie und Elektrotechnik in Deutschland geschehen ist.

Gleichzeitig und danach ist es immer die Politik, die gesellschaftliche Konflikte verschärft. Die Suche nach den angeblichen „Inflationsprofiteuren“, „Preistreibern“ und „Wucherern“ steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen, Stichwort „Überschusssteuer“. Doch deutsche Politiker haben die mutmaßlichen Täter immer ausgenutzt.

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Vor ziemlich genau 100 Jahren, zu Beginn der Hyperinflation, wollte der Kanzler höchstpersönlich „ekelhafte Dinge“ wie „öffentliche Tanzvergnügungen“ verbieten, wie WELT-Experte Frank Stocker in seinem kürzlich aufrüttelnden Buch „Die Inflation der 1923″.

Neue Schulden vergrößern die Kluft zwischen den Generationen

Der vierte Weg, um schwierige Konflikte zu einer offensichtlichen Lösung zu bringen, ist getan: die Last auf zukünftige Generationen abzuwälzen, das heißt auf diejenigen, die ihre Stimme nicht erheben können. Weitgehend unabhängig von tatsächlicher Not hat die Politik in diesem Jahr ein beispielloses Füllhorn an Bürgern ausgegossen.

Die Staatsverschuldung fördert die Inflation, weil die Regierungen sie nutzen können, um die Schuldenlast zu reduzieren, eine Erfahrung, die seit der Antike bekannt ist.

Die Inflation begünstigt aber auch neue Schulden, die von den Kindern und Enkeln der bisherigen Leistungsempfänger getragen werden müssen. Was eine weitere Lücke in der Gesellschaft tiefer treibt: die zwischen den Generationen.

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