Horizon Europe – Wissenschaft muss in der Schweiz strak bleiben

Die Schweiz ist ein Wissenschafts-Schwergewicht. Allerdings läuft es Gefahr, diese starke Position zu verlieren, wenn es nicht mit Horizon Europe verbunden ist.

“Die Wissenschaft hat in den letzten 200 Jahren das Leben von Millionen von Menschen verbessert.” ETH-Terrasse in Zürich.

Walter Bieri / Keystone

Die kommenden Jahrzehnte werden darüber entscheiden, ob wir unsere Ziele der Dekarbonisierung unserer Wirtschaft und der Sicherung unserer Lebensgrundlagen erreichen. Wer heute in die Zukunft blickt, und sei es nur in die unmittelbare Zukunft, scheint wenig Anlass zu Optimismus zu haben.

Nicht nur eine Krise folgt der anderen, sondern wir erleben derzeit das Zusammentreffen mehrerer globaler Krisen: Rückkehr des Krieges vor unsere Haustür, Energieknappheit durch einseitige Abhängigkeiten, Inflation und Rezessionsängste, wirtschaftliche Fragilität. die öffentliche Gesundheit nach der Pandemie, die Missachtung grundlegender Menschenrechte in autoritären Staaten und ein Klima, das extremes Wetter zur (neuen) Normalität macht.

Wissenschaftliche Entwicklung im Dienste der Gesellschaft

In den letzten 200 Jahren hat die Wissenschaft das Leben von Millionen Menschen auf fast unvorstellbare Weise verbessert und uns Wohlstand gebracht. Dies wird auch in Zukunft so sein, sofern wir den Fortschritt der Wissenschaft in den Dienst der Gesellschaft stellen können.

Im Kampf gegen die Pandemie konnten wir dank der Entwicklung von Technologie und Medizin Schlimmeres verhindern. Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten sind heute um ein Vielfaches leistungsfähiger als vor dreißig Jahren. Technologien wie die Schere Crispr/Cas-9 ermöglichen es, fehlerhafte Gene zu eliminieren und Erbkrankheiten besser zu behandeln. Verfahren des maschinellen Lernens unterstützen Ärzte bei der Diagnose von Tumoren und ermöglichen die Entwicklung von Medikamenten schneller und kostengünstiger als herkömmliche Methoden. Und es gibt noch viel Raum für Verbesserungen in der personalisierten Medizin und der datengesteuerten Gesundheitsversorgung.

Die Klimakrise ist zu einem großen Teil auch eine Energiekrise, da der Löwenanteil davon aus Kohlendioxid stammt2-Emissionen sind auf die Verbrennung von Öl, Gas und Kohle zurückzuführen. Was schlimm klingt, ist auch eine Chance: Die Abhängigkeit von russischem Gas hat den Westen wachgerüttelt. In der Schweiz scheint sich der politische Wille verstärkt zu haben, den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen.

Machen wir uns keine Illusionen: Die Transformation des Energiesystems bleibt eine Herkulesaufgabe und es gibt viele schwierige Probleme zu lösen. Doch es gibt viele smarte Lösungen, einige bereits auf dem Markt, andere auf dem Weg – von Kreislaufwirtschaftskonzepten über den Einsatz neuer Baustoffe bis hin zu (grünem) Wasserstoff als saisonalem Energiespeicher.

Fortschritte kommen oft in kleinen Schritten und selten in großen wissenschaftlichen Durchbrüchen, die sich normalerweise über Jahrzehnte der Grundlagenforschung erstrecken. Die Photovoltaik, auf der heute so viele Hoffnungen beruhen, basiert auf den theoretischen Beiträgen von Max Planck, Albert Einstein und anderen Physikern im frühen 20. Jahrhundert.

Die Entwicklung einer Corona-Impfung in Rekordzeit wäre ohne die Erforschung der mRNA-Technologie durch Pioniere wie Katalin Kariko undenkbar gewesen. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Forschung, die auf Neugier basiert und über enge Nützlichkeitsüberlegungen hinausgeht, weiterhin unterstützen – insbesondere in der Schweiz.

Die Quantenphysik ist eines der Themen, das Wissenschaftler seit einiger Zeit begeistert; Das Potenzial für einen wissenschaftlichen Durchbruch in nicht allzu ferner Zukunft ist hoch. Unternehmen und Staaten auf der ganzen Welt setzen darauf und investieren Milliarden Franken. Quantum Computing – als eine von vielen Anwendungen – könnte die Arzneimittelentwicklung oder die Materialforschung revolutionieren.

Multilateralismus und Wissenschaftsdiplomatie stärken

Und die Schweiz? Er ist mittendrin und ein wissenschaftliches Schwergewicht. Aber hier, wie auch in anderen Bereichen, kann es seine starke Position verlieren, weil es nicht mit dem europäischen Horizont verbunden ist.

Der direkteste Weg, Wissen in die Gesellschaft zu transferieren, führt über unsere Absolventinnen und Absolventen. Rund 3.000 junge Menschen treten jährlich mit einem Masterabschluss oder einer Promotion in den Arbeitsmarkt ein oder gründen – Tendenz steigend – ein eigenes Unternehmen. Wissen fließt aber nicht nur in eine Richtung, die ETH profitiert auch von vielfältigen Kontakten zu Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine Lehre aus der Pandemie ist, dass wir den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Behörden stärken müssen. Auf internationaler Ebene gilt es, Multilateralismus und Wissenschaftsdiplomatie zu stärken, wie es sich die Initiative Geneva Science and Diplomacy Adviser (Gesda) zum Ziel gesetzt hat.

Die Herausforderungen sind groß und unser Einfluss auf das Weltgeschehen ist als kleines Land begrenzt. Dennoch stimme ich dem Wissenschaftler Hans Rosling zu, der in seinem posthum erschienenen Buch „Factfulness“ zehn Gründe nennt, warum der Zustand der Welt objektiv besser ist, als wir ihn subjektiv wahrnehmen. Universitäten als Orte der Bildung und Forschung tragen dazu bei, diesen Optimismus zu rechtfertigen.

Joël Mesot ist Präsident der ETH Zürich.

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