Deutschland und die Ukraine: Wie sie lernten, die irregeleitete Rakete zu lieben

Symbolbild: WikiImages bei Pixabay (Public Domain)

Nachdem die Rakete Polen getroffen hatte, übernahm die NATO eine deeskalierende Rolle. Ein deutscher Sicherheitsexperte sprach von Waffen, die russische Städte treffen sollen. Die Bundesrepublik ist in keiner Weise Opfer oder Vasall.

Am vergangenen Dienstag bestand für wenige Stunden die reale Gefahr einer Eskalation des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine. Grund war ein Raketenangriff im NATO-Land Polen. Würde Russland den Konflikt wirklich auf NATO-Territorium ausweiten wollen? Doch wenige Stunden später kam Entwarnung aus dem Weißen Haus. US-Präsident Biden gab schnell bekannt, dass die Angriffe von einer ukrainischen Anti-Rakete ausgingen, die versehentlich in Polen gelandet war.

Wenig später übernahm auch die Nato diese Version und verzichtete auf die Erklärung des Verteidigungszustands, was die Konfrontation ohnehin verstärkte, obwohl dies noch nicht den dritten Weltkrieg bedeutete. Bemerkenswert war, dass die schnellen Bemühungen des globalen Westens zur Entspannung im Widerspruch zu den Aussagen der Ukraine standen. Ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj machte weiterhin die Russen für die Raketenangriffe in Polen verantwortlich.

Die verschiedenen Pressereaktionen zeigten die Verwirrung, die diese ungewöhnliche Situation verursacht hatte. Die junge Welt, die ihre Polemik generell gegen die Nato und die USA richtet, titelte “Nato ist vorsichtig”. Andererseits konnten wir die Journalistin Barbara Oertel in einer ungewöhnlichen Position in der taz beobachten: Erstmals kritisierte sie den ukrainischen Präsidenten scharf.

Wie schwer es ihr gefallen sein muss, zeigt die Tatsache, dass sie diese Kritik mit einer Verteidigung Selenskyjs begann:

Kaum jemand wird bestreiten, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in den fast neun Monaten des russischen Angriffskrieges gegen sein Land eine gute Figur gemacht und einen kühlen Kopf bewahrt hat. Doch mit seinen Aussagen, dass die beiden Raketen, die Polen am Dienstag versehentlich getroffen haben, nur russischen Ursprungs gewesen sein könnten, schoss er über das Ziel hinaus.


Barbara Oertel, taz

Kritik an Selenskyj im Interesse der Ukraine?

Aber natürlich ist Oertel weiterhin auf der Seite der Ukraine. Sie fragt sich nur, ob Selenskyjs Beharren auf der russischen Verantwortung für die Raketenangriffe in Polen noch den Interessen des Landes dient.

Solche Aussagen sind nicht nur wenig hilfreich, sie sind sogar kontraproduktiv. Denn Selenskis Vorurteile sind grausam gegenüber allen, die der Ukraine vorwerfen, die Nato um jeden Preis in diesen Krieg hineinziehen zu wollen. Und Kiew möchte sie, selbst um den Preis sehr weitreichender Zugeständnisse, heute am Verhandlungstisch sehen. Dieses Szenario ist so absurd wie die Tatsache, dass unbestritten ist, wer für diesen Krieg und seine Folgen verantwortlich ist: Russland.


Barbara Oertel, taz

Damit wird auch die Intention von Oertels und anderen unbedingten Freunden der ukrainischen Seite der Kritik an Selenskyj deutlich. Er könnte indirekt die Stimmung fördern, die nach fast neun Monaten Krieg darauf drängt, den Konflikt jetzt zumindest einzufrieren: Mit Frieden habe das freilich wenig zu tun, sondern eher mit einer Rückkehr zu den Verhältnissen vor Februar Am 24. Februar 2022, also vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine.

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Schon damals starben in den ukrainischen Ostprovinzen auf beiden Seiten Menschen, meist durch ukrainischen Beschuss. Aber damit könnte der globale Westen leben. Deshalb wünschen sich dort viele Menschen einen solchen Staat. Die besonders nationalistischen Kreise der derzeitigen ukrainischen Regierung wollen dies jedoch nicht hinnehmen und fordern, dass der Krieg mindestens so lange fortgesetzt wird, bis die Krim wieder zur Ukraine gehört.

Mehr Waffen für die Ukraine?

Sicherheitsexperte Markus Kaim machte diesen Dissens in einem Interview mit dem Deutschlandfunk deutlich: Kaim erklärte, dass weder auf russischer noch auf Nato-Seite Interesse an einer Eskalation in diesem Bereich bestehe. Er betonte noch einmal, dass es sich bei den Raketenangriffen in Polen nicht um eine bewusste Eskalation Russlands gehandelt habe, und bezeichnete Selenskyjs Reaktion als sehr ungeschickt. Er gewinnt nichts, wenn er an der Version der russischen Verantwortung festhält.

Laut Kaim hat Selenskyj einen Fehler gemacht, als er Russland weiterhin für den Beschuss Polens verantwortlich machte. Er warf Selenskyj sogar vor, Russland einen Pass gegeben zu haben. Denn selbst die Nato-Partner müssen Russland zumindest in diesem Fall recht geben.

Einen ganz anderen Ton hatte tags zuvor ein anderer Sicherheitsexperte, Joachim Krause, in einem Interview mit dem Deutschlandfunk angeschlagen. Das grundlegende Problem sind nicht die Marschflugkörper auf polnischem Territorium, sondern die auf die Ukraine gerichteten russischen Raketen. Damit relativiert er seltsamerweise den Gegensatz zwischen einer russischen Rakete auf Nato-Territorium und den Angriffen auf die Ukraine, die Teil des Krieges zwischen zwei bürgerlichen Staaten sind.

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Krause sprach auch vom „Vernichtungskrieg“ Russlands gegen die Ukraine und verwischte damit bewusst die Grenze zwischen einem Krieg von vielen und den konkreten Verbrechen des NS-Regimes. Krause machte deutlich, dass die Vereinigten Staaten der Ukraine Langstrecken-Abwehrraketen zur Verfügung stellen sollten, die russische Städte erreichen könnten.

Krause wischte die Frage, ob Russland den Krieg eskalieren werde, mit der Begründung beiseite, dass Russland dazu nicht in der Lage sei. Russlands militärische Fähigkeiten sind weitgehend erschöpft. Der Journalist vom Deutschlandfunk fragte daraufhin, ob Krause vor dem 24. Februar 2022 geglaubt hätte, dass die Russen so machtlos seien. Dann ist Krause in seinem Element und weist auf die Schwächen Russlands hin, während die Ukraine viel stärker ist als erwartet.

Er gehe davon aus, dass bekannt sei, dass dies die Folge der massiven Aufrüstung aus dem Westen sei. Doch ihm geht der Präsident der Vereinigten Staaten nicht weit genug, weil er verhindern will, dass sein Land direkt in den Krieg mit Russland hineingezogen wird und deshalb die von ihm geforderten Langstreckenwaffen nicht liefern wird. Auch den Einwand des Journalisten, Russland könne dann keine polnischen Städte angreifen, wischt er nonchalant beiseite.

Die Kanonen hätten an einer Stelle gestoppt, sagte er, wahrscheinlich um klarzustellen, dass sie Deutschland nicht erreichen würden. Eine solche Position, die offen für eine massive Eskalation des Krieges plädiert, könnte im Deutschlandfunk ohne große Resonanz verbreitet werden.

Wenn über Deutschlands Verantwortung geschwiegen wird

Das liegt auch daran, dass diejenigen, die sich gegen eine Eskalation des Ukraine-Konflikts aussprechen, meist die USA als Hauptkriegstreiber ausmachen und sogar Deutschland zum Opfer oder Vasallen erklären. Das sind latente deutschnationale Parolen, wie sie in der deutschen Friedensbewegung der 1980er Jahre zu finden waren, die der Publizist Wolfgang Pohrt meisterhaft kritisierte.

Bei einer solchen Position sollte man sich nicht wundern, dass sich auch Rechte an Aktionen beteiligen, die Deutschland zum Opfer eines Konflikts zwischen Russland und den USA erklären. Das Interview mit Joachim Krause zeigt, dass es in Deutschland Kräfte gibt, die den Konflikt eskalieren wollen. Er ist nicht der einzige. Denn der derzeit dominierende ukrainische Nationalismus ist das Erbe der prodeutschen Bewegungen, die zwischen 1941 und 1945 zeitweise auch mit den Nazis kollaborierten und gemeinsam Juden und mutmaßliche Kommunisten ermordeten.

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Als die Rote Armee die wenigen Überlebenden aus den deutschen Vernichtungslagern befreite, flohen führende Persönlichkeiten dieser deutschfreundlichen ukrainischen Nationalisten in das Nazireich – zusammen mit der Wehrmacht und den mörderischen deutschen Einsatzkräften. Sie überlebten das Ende des Nazireichs, weil ihre Dienste im Kalten Krieg erneut gebraucht wurden. Einer von ihnen, Stepan Bandera, starb 1959 bei einem mutmaßlichen KGB-Angriff in München, wo er auch begraben liegt.

Seit 2014 tragen viele Städte in der Ukraine seinen Namen, und es gibt dort auch mehrere Denkmäler für ihn. Der Sozialwissenschaftler Evgeniy Kazakov, der demnächst im Unrast-Verlag das Buch „Spezialeinsätze und Frieden“ über linke Kriegsgegner in Russland veröffentlichen wird, muss zustimmen, wenn er darauf hinweist, dass diese Erinnerungspolitik zur aktuellen wird. Ukrainischer Nationalismus bedeutet nicht, dass es ein Bandera-Regime gibt, das wieder aufgebaut werden will, was heute natürlich keine Grundlage mehr hätte.

Aber sie wollen Bandera und andere Figuren des prodeutschen Nationalismus in ihr modernisiertes Nationalismus-Projekt einbeziehen. Das lässt sich mit der Situation in Westdeutschland in den 1950er-Jahren vergleichen, wo noch jeder als Verräter galt, der sich zu den Verbrechen der Wehrmacht äußerte. Auch die Deutschnationalen, die am 20. Juli 1944 Hitler ermordeten, galten vielerorts noch als Verräter, die zu Recht hingerichtet wurden.

Es ist sicher auch das Verdienst deutschlandkritischer Linker in den 1990er Jahren, dass sie diese deutsche Erinnerungspolitik und ihre Spuren bis heute immer wieder theoretisch und praktisch mit Aktionen gegen solche Denkmäler attackierten.

Umso erstaunlicher, dass selbst diese antideutschen Linken eine Erinnerungspolitik wie Bandera und Co. fast nie kritisieren. will in seine nationale Ahnengalerie für sein modernes Staatsprojekt aufnehmen. Dadurch entsteht die paradoxe Situation, dass die Kritiker der heutigen Ukraine primär die USA als angeblichen Warlord angreifen und die Rolle Deutschlands kaum ansprechen, aber auch einige Freunde der heutigen Ukraine einen Schlussstrich unter die deutsch-ukrainische Geschichte der Nazizeit ziehen wollen , die sie bevorzugen, hatte 20 Jahre lang massiv gekämpft.

Dann kann ein deutscher Sicherheitsexperte von Krause wieder Waffen verlangen, die Russland getroffen haben, und ein Deutschlandfunk-Journalist grübelt über das machtlose Russland. Manche Wehrmachtssoldaten hätten solche Geräusche gerne gehört.

Peter Nowak ist zusammen mit Clemens Heni und Gerald Grüneklee Autor des Buches „Nie mehr Krieg ohne uns … Deutschland und die Ukraine“.

(Peter Nowak)

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